Reichstag_1945_nach_Bomben

Armin Fuhrer

Kriegsende in Berlin 1945 Enttarnt: Die wahre Geschichte der „Anonyma“

Aktuell zum 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation sind die Medien voll von Berichten und Erinnerungen von Zeitzeugen. Das ist gut so, denn gerade für die nachfolgenden Generationen ist es wichtig, zu wissen, was passierte und was dazu führte, dass Deutschland einen Weltkrieg begann – und was die unmittelbaren Folgen für die Menschen waren. Ein bekanntes Beispiel zeigt mir jedoch, dass wir immer wieder auch die Quellen solcher Überlieferungen kritisch überprüfen müssen. So fiel mir ein Artikel der Historikerin Yuliya von Saal in die Hände, die sich einen berühmten Zeitzeugenbericht mal genauer anschaute und zu einem überraschenden Ergebnis kam. Es geht um das berühmte Buch „Anonyma“ – eine Frau in Berlin“, das 2003 erschien und suggerierte, dass es sich um authentische Tagebuchaufzeichnungen einer Frau im Berlin des Frühjahrs und Frühsommers 1945 handelte. Aber stimmt das? Hier mein Text:

Es waren schlimme Zeiten, damals im Berlin der letzten Wochen des Krieges und der ersten Wochen danach. Zerstörungen, kein Strom, viele Häuser ausgebombt, die Hauptstadt besetzt von der Roten Armee – da konnte man schon den Mut sinken lassen. Das passte allerdings nicht zu den robusten Berlinern und ihrer berühmten „Schnauze“, also ihrer schnoddrigen Art. Das Leben ging halt weiter, irgendwie. Besonders schlimm traf es die Frauen in den ersten Tagen und Wochen, nachdem „die Russen“ einmarschiert waren. Viele wurde Opfer von massenhaften Vergewaltigungen, zu Sexobjekten degradiert und entwürdigt.

Eine, die diese unbestreitbare Tatsache auf ihre eigene, oftmals lakonisch und ironische Weise beschrieb, war eine lange Zeit unbekannte Frau. Als im Jahre 2003 Hans Magnus Enzenzberger ihre Erinnerungen unter dem Titel „Anonyma“ herausgab, entwickelte sich das Buch schnell zum Bestseller, und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern. Auch die Film-Version mit der Schauspielerin Nina Hoss in der Hauptrolle wurde zu einem Erfolg. „Anonyma“ beschrieb, wie die Autorin in den besagten Wochen Schutz bei mehreren russischen Offizieren suchte, um dauernden Vergewaltigungen aus dem Weg zu gehen. Natürlich war dieser Schutz nicht ohne Gegenleistung zu bekommen – ohne Scheu beschreibt „Anonyma“ ihr Verhältnis zu diesen Männern als einen Zustand irgendwo zwischen Prostitution und Vergewaltigung.

Authentisch oder nicht?

Die Kritiken in den Medien waren mindestens sehr positiv, wenn nicht enthusiastisch. Dass die Verfasserin anonym bleiben wollte, akzeptierten die meisten Rezensenten. Zum Teil, wie Enzenzberger selbst, fanden sie es sogar schlimm, dass manche Historiker versuchten, herauszufinden, wer hinter den Tagebuchaufzeichnungen stand. Denn es gab durchaus auch Zweifler, die sich gar nicht so sicher waren, wie authentisch diese hochgelobte und seitdem viel zitierte Quelle eigentlich wirklich ist. Und um das beurteilen zu können, müsse man die wahre Identität der Autorin kennen.

Schließlich kam doch heraus, wer hinter dem Tagebuch stand. Es handelte sich um die Journalistin Marta Hillers. Sie war eine ehemalige Kommunistin, die sich während des Dritten Reiches mit den Nationalsozialisten arrangiert hatte. Die wahren Hintergründe des Buches kommen aber erst jetzt ans Tageslicht und sie belegen, dass die Aufzeichnungen Hillers alias Anonyma in der Buchform keineswegs die authentische Quelle sind, für die sie lange gehalten wurden. Teile des Buches kann man durchaus mit dem neudeutschen Wort Fake belegen.

Zu danken ist die Aufdeckung der Hintergründe der Tatsache, dass die Unterlagen zu diesem Buch 2016 in den Besitz des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) gelangten. Dort wurden sie von der Historikerin Yuliya von Saal ausgewertet. Von Saal veröffentlichte Ihre Ergebnisse jetzt in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte (VfZ 3/67 2019).

Ein großer internationaler Erfolg schon in den fünfziger Jahren

Die Expertin war erstaunt, als sie feststellte, dass es nicht eine Version der Aufzeichnungen gibt, sondern drei. Sie gab ihnen die Bezeichnungen Stufe 1, Stufe 2 und Stufe 3. Bei Stufe 1 handelt es sich um die ursprüngliche Version der Tagebuchaufzeichnungen. Marta Hillers begann damit am 20. April 1945 und beendete sie am 22. Juni, also zwei Monate später. Hillers, damals 33 Jahre alt, hatte ihre Erlebnisse in drei Heften aufgeschrieben. Im Sommer desselben Jahres setzte sie sich an ihre Schreibmaschine und tippte die Aufzeichnungen ab. Diese abgetippte Version bezeichnet von Saal als Stufe 2. Schließlich entschied sie sich Anfang der fünfziger Jahre, ihre Aufzeichnungen in Buchform zu veröffentlichen. Dieses Manuskript gilt als Stufe 3.

Das Buch war übrigens 2003 keineswegs so unbekannt, wie oftmals behauptet wurde. Tatsächlich wurde es in den fünfziger Jahren in verschiedene Sprachen übersetzt und veröffentlicht. Besonders erfolgreich war es in den USA und England – in beiden Ländern zusammen wurde es sage und schreibe 750 000-mal verkauft. Auch in Ländern wie Holland oder Finnland war es erfolgreich. Nur in einem Land floppte es: in Deutschland. Hier fand sich nicht einmal ein Verlag, der es in sein Programm nehmen wollte. Der renommierte Rowohlt-Verlag lehnte es ab und damit galt es für andere große Verlage als „verbrannt“. So veröffentliche die deutsche Fassung schließlich ein kleiner Schweizer Verlag, doch der Verkauf blieb bei weniger als 3000 Exemplaren stecken.

Als die Historikerin von Saal jetzt die drei Versionen verglich, stellte sie Erstaunliches fest: sie weichen alle stark voneinander ab. Das ist schon am Umfang abzulesen: kam die Ursprungsversion auf 32 700 Zeichen, so hatte die Tipp-Version bereits 49 610. Die veröffentlichte Buchversion schließlich ist die längste mit 91 120 Zeichen. Aus den Zahlen wird klar, dass die verschiedenen Versionen ergänzt wurden.

Unzweifelhaft ist für die Expertin von Saal, dass das Ursprungsmanuskript tatsächlich von Marta Hillers stammt und ihre Erlebnisse wiedergibt. Hinter der Veröffentlichung in Buchform stand ein enger Freund Hillers, der Bestseller-Autor Kurt Marek, der in den USA lebte. Er drängte sie so lange zu einer Veröffentlichung, bis sie schließlich einwilligte. Dann machte sich Hillers eigenhändig daran, das Manuskript umzuarbeiten und zu ergänzen. Marek verfasste ein Vorwort und profitierte so von den Tantiemen. Während die mit der Schreibmaschine abgetippte Version aus dem Sommer 1945 nur einige Ergänzungen zeigt, die zum Teil daher rührten, dass die Autorin Worte ausschrieb oder ergänzte, zeigen die Buchmanuskripte deutliche Änderungen.

Viele nachträgliche Änderungen verfälschten die subjektiven Erlebnisse

So fügte Hillers beispielswiese viele der Beschreibungen ihrer Mitmenschen und der Rotarmisten, die in den Augen vieler Leser und Experten das Buch gerade so interessant und zu einem wertvollen Zeitdokument machten, nachträglich ein. Das gleiche gilt auch für Einschätzungen und Bewertungen oder für Empfindungen, die sie in der Buchfassung beschreibt. Dadurch aber werden ihre Aufzeichnungen zu einem großen Teil entwertet und verlieren just jene Authenzität, die an ihnen so gerühmt wurden. Denn Tagebücher sind stets eine sehr subjektive Quelle, die den Stand von Empfindungen und Gedanken zum Zeitpunkt der Aufzeichnung wiedergeben. Diese können sich aber zu einem späteren Zeitpunkt verändert haben – und genau das dürfte bei Marta Hillers auch geschehen sein, als sie Jahre später vieles nachträglich einfügte oder literarisch und dramaturgisch ausarbeitete. In einem Brief an Marek bekannte sie, dass sie sich nach all den Jahren gar nicht mehr richtig an die Ereignisse erinnern könne.

Mit ihren Änderungen und Ergänzungen wollte sie ganz offensichtlich das Manuskript spannender gestalten, aber damit beeinträchtigte sie stark den Wert der Aufzeichnungen als Dokument der Zeit, in der es entstand. Das gilt auch für nachträgliche Ergänzungen historischer Fakten. Gerade die vielen falschen Gerüchte, beispielsweise über den Tod Hitlers oder Joseph Goebbels, sind doch für heutige Leser interessant, weil sie zeigen, was die Menschen damals wussten oder glaubten zu wissen und was sie beschäftigte. Dass Hillers dabei mit Blick auf den Todestag von Goebbels später ein Fehler unterlief, sei nur am Rande bemerkt.

Zahnarzt statt Frauenärztin

Andere Ergänzungen schließlich sind pure Erfindung. Als Hillers beispielsweise wegen des regelmäßigen Geschlechtsverkehrs mit verschiedenen russischen Offizieren glaubte, sie sei möglicherweise schwanger, ging sie laut der Beschreibung in ihrem Buch, zu einer Frauenärztin. Tatsächlich aber – so kann man es im Originalmanuskript lesen – handelte es sich an jenem Tag nicht um einen Besuch bei einer Frauenärztin, sondern Hillers ging zum Zahnarzt, weil ihr ein Weisheitszahn gezogen werden musste. Anderes ließ sie aber auch herausfallen – zum Beispiel schwächte sie Passagen, die auf ihre eigene Rolle im Nationalsozialismus deuteten, ab.

Insgesamt, kommt Yuliya von Saal zu dem Ergebnis: „Vergleicht man Buch und Original, sind nur noch circa 35 Prozent des publizierten Texts als authentisch zu bewerten“. So spreche einiges dafür, „den Bestseller nicht als Zeitdokument und nicht als authentisch, sondern als stark literarisierten Monolog in Tagebuch-Form zu lesen“. Zugleich aber verweist sie auch darauf, dass die festgehaltenen Ereignisse und Beobachtungen für Historiker nun nicht einfach unbrauchbar seien, denn zum Beispiel seien die Vergewaltigungsszenen im ursprünglichen Tagebuch und in der Buchform weitgehend identisch. Aber wer ein authentisches Zeitdokument lesen wolle, müsse zu Marta Hillers’ handschriftlichen Aufzeichnungen und nicht zum literarisierten Tagebuch der „Anonyma“ greifen.

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